Metal Waltz - der Tanz geht weiter

Textauszug Nummer 1


 Ungläubig und ganz behutsam, als ob er jeden Moment des Platzes verwiesen werden könnte, betrat Chris die leicht federnden Planken des gigantischen Bühnenkon- struktes. Seine rot gemaserte Paul Reed Smith um den Hals geschnallt, denBlicksturaufdenBodengerichtet,schlich er förmlich bis zur Kante, die knapp drei Meter erhöht dem Publikum zugewandt war. Ein scharf geschaltetes Mikro an einemStänderundeine MonitorboxzuseinenFüßen,for- derten Chris dazu auf, sich genau mitig zu positionieren. Die blonden, leicht gelockten Haare hingen ihm vornüber das Grifbret seiner E-Gitarre und sein Herzschlag galop- pierte. Ein paar Momente verweilte er genau so, strich sich seine feuchten Hände an seinen hautengen, stonewashed Stretch-Jeans ab und atmete. Er versuchte, seinen Puls auf ein akzeptables Niveau zu normalisieren und sich auf seine anstehende Aufgabe zu konzentrieren. Chris musste Füh- lung aufnehmen, seine Gitarre richtig spüren und ihr zu ver- stehen geben, was er jeden Moment von ihr erwartete. Hier ging es um mehr, als nur darum, irgendwelche Töne auf ir- gendwelchen Saiten zu spielen. Diese Prozedur war ein stets wiederkehrendes Ritual, das die beiden miteinander verband und das Chris die nötige Sicherheit gab.

Es dauerte vielleicht zwanzig Sekunden an, bis er auf einmal mit geschlossenen Augen seine Mähne hinter sich schleuderte und mit einem Grif in die Saiten die Lautspre- cherkolosse um sich herum zum Leben erweckte. Chris durchströmte die unermessliche Gewalt des gigantischen Sounds und seine Gänsehaut wanderte von den Unterar- men über die Schultern, den gesamten Rücken hinunter. Zig tausende Wat katapultierten einen harten und verzerrten Powerchord direkt durch seine Eingeweide, auf das endlos erscheinende Festivalgelände hinaus. Die Augen noch immer geschlossen, ließ er zwei weitere Akkorde folgen, um mit einem kurzen, nur angedeuteten Sololauf in das harte Rif von "Zero Tolerance" einzusteigen, dem Song, der die "Wired Dreams" vor nunmehr drei Jahren zu Stars gemacht hate. Beinahe wie in Trance, noch immer mit geschlossenen Augen und dazu mit konzentriert verzerrtem Gesicht, feu- erte er das, was er sich in den letzten Monaten intensiv zu- eigen gemacht, was er quasi aufgesogen hate wie Muter- milch, direkt auf die Menge.

Die "Menge" jedoch, bestand nur aus ein paar Crewmit- gliedern und drei kaum erkennbaren Gestalten am Misch- pulturm, etwa 200 Meter vor ihm.

»O.K., kannst aufhören«, tönte einer von ihnen über die Anlage, »wir haben’s. Den Bass bite.«

Chris brauchte einen kurzen Moment, um aus seiner Trance zurück in die reale Welt zu gelangen und ehe er mit seinen rot-braunen Cowboystiefeln einen Schrit nach rechts, zurück zum dort postierten Mikro machen konnte. Mit leicht zitriger Stimme krächzte er:

»Ja, also, ich glaube die Bass Backlinerin ist gerade un- abkömmlich.«

Chris hate schon befürchtet, dass diese peinliche Situa- tion auf ihn zukommen würde und so zuckte er regelrecht zusammen, als das Mikro der Toncrew, mit einer ordentlich quietschenden Rückkopplung, erneut zum Leben erwachte:

»Und der Herr Bassist«, hakte die hörbar genervte Stim- me nach, »wäre er denn gerade zugegen?«

»Naja«, erklärte Chris weiter, »mein letzter Stand war, dass der Bassist die Backlinerin gerade vögelt.«

Wieherndes Gelächter ertönte vom Seitenbereich der Bühne und die unmissverständliche Antwort des Tontechni- kers folgte auf den Fuß:

»Oh Mann, diese beschissenen Rockstars.«